C4: Verwandtschafts-Kulturen
Verwandtschaft als Repräsentation sozialer Ordnung und soziale Praxis: Wissen, verwandtschaftliche Performativität und rechtlich-ethische Regulation
Das Teilprojekt untersucht aus ethnographischer Perspektive Verwandtschaft als zentrales Repräsentationselement sozialer Ordnungen in der Entwicklung europäischer Gesellschaften. Während der ersten Forschungsphase (2004-2008) wurden qualitative Fallstudien in Istanbul und Berlin sowie in transnationalen Räumen generiert, die die Herausbildung von Eltern-Kind-Beziehungen, Verwandtschaftsnetzwerken und Verwandtschaftlichkeit nach Inanspruchnahme assistierender Reproduktionstechnologien oder Adoption rekonstruieren. Verwandtschaft wurde dabei nicht primär als Klassifikationssystem oder verborgene Grammatik in den Blick genommen, sondern in ihrem Potential zur sozialen Organisation und als "strukturierende Struktur".
In der zweiten Forschungsphase (2008-2012) steht die Frage im Zentrum, wie natur- und sozialwissenschaftliches Wissen über technologisch assistierte Reproduktion und Adoption sowie rechtliche und ethische Formen ihrer Regulierung den Alltag gelebter "Verwandtschaftlichkeit" prägen. Die empirische Arbeit konzentriert sich auf die Beobachtung verwandtschaftlicher Performativität in familienbiographischer longue durée. Ein Teil (N = 30) der bereits generierten Fallstudien (N = 70) wird durch kontinuierlich-rekurrierende, narrative Interviews und seriell-situationszentrierte Formen teilnehmender Beobachtungen in einer ethnographischen Langzeitstudie weitergeführt. Ergänzend wird mit Experteninterviews, Dokumenten- und Zeitungsanalysen sowie internetbezogenen Methoden gearbeitet.
Die komparatistische Perspektive auf Deutschland, die Türkei und den transnationalen Raum wird durch Fallstudien in Großbritannien ergänzt. Großbritannien verfolgt einen explizit pragmatischen Regulierungskurs, der sich vom prinzipien-orientierten Regulationsgedanken in Deutschland und den durch Staatsraison fundierten oder religiös motivierten Regulationsprinzipien in der Türkei unterscheidet. Auch Regulierungsinitiativen auf europäischer Ebene sind in ihren Auswirkungen auf differente, alltägliche Verwandtschaftspraxen beobachtbar. Ausgehend von dem empirischen Befund, dass Patienten und Familien, Mediziner und Experten in hohem Maße wissenschaftliche und regulative Entwicklungen in anderen Ländern verfolgen, werden die vergleichenden Praxen und Repräsentationen der Alltagsakteure in einer Verbindung von Vergleichs- und Transferansätzen als paraethnographische Quelle (Holmes/Marcus) genutzt und gleichzeitig als Transferphänomene interpretiert.
SFB-Publikationen von Mitgliedern dieses Teilprojekts
- Michi Knecht, Maren Klotz, Stefan Beck (Hg): Reproductive Technologies as Global Form. Ethnographies of Knowledge, Practices, and Transnational Encounters. Campus, Frankfurt am Main / New York 2010. (mehr)
- Jörg Feuchter, Regina Finsterhölzl, Andrea Fischer-Tahir, Friedhelm Hoffmann, Johan Grußendorf, Simone Holzwarth, Maren Klotz, Michi Knecht, Veronica Oelsner, Nurhak Polat, Reet Tamme, Stefan Beck, Christiane Reinecke: Wissen und soziale Ordnung. Eine Kritik der Wissensgesellschaft. Mit einem Kommentar von Stefan Beck. SFB 640, Berlin 2010. (mehr)
- Michi Knecht: Der Imperativ, sich zu verbinden. Neue kulturanthropologische Forschungen zu Verwandtschaft in europäischen Gegenwartsgesellschaften. (mehr)
- Maren Klotz, Michi Knecht, Nevim Cil, Sabine Hess, Stefan Beck (Hg): Verwandtschaft machen. Reproduktionsmedizin und Adoption in Deutschland und der Türkei. Berliner Blätter. Ethnographische und ethnologische Beiträge, Bd. 42, 2007. (mehr)
- Michi Knecht, Stefan Beck, Sabine Hess: Verwandtschaft neu ordnen. Herausforderungen der Reproduktionsmedizin und der Transnationalisierung. In: Maren Klotz, Michi Knecht, Nevim Cil, Sabine Hess, Stefan Beck (Hg): Verwandtschaft machen. Berliner Blätter. Ethnographische und ethnologische Beiträge, Bd. 42, 2007. S. 12-31 (mehr)
- Heike Bock, Jörg Feuchter, Michi Knecht (Hg): Religion and Its Other. Secular and Sacral Concepts and Practices in Interaction. Campus, 2008. (mehr)
- Stefan Beck: Natur | Kultur. Überlegungen zu einer relationalen Anthropologie. In: Zeitschrift für Volkskunde, 104 Jg., 2008/ 2. S. 161-199 (mehr)
- Stefan Beck: Medicalizing Culture(s) or Culturalizing Medicine(s)?. In: Regula Valerie Burri, Joe Dumit [Hg]: Medicine as Culture. Instrumental Practices, Technoscientific Knowledge, and New Modes of Life (=Routledge Studies in Science, Technology and Society, Vol. 6). London 2007. S. 17-33 (mehr)
- Stefan Beck: Gedächtnisse des Körpers. Zum Konzept der Haut als Transaktionszone zwischen Natur und Kultur. In: Jörn Ahrens, Mirjam Biermann, Georg Töpfer (Hg.): Die Diffusion des Humanen. Grenzregime zwischen Leben und Kulturen. Frankfurt/M 2007. S. 31-51 (mehr)
- Stefan Beck: Praktiken der Lokalisierung. Transfer, Hybridisierung und Interdependenz als Herausforderungen ethnologischer Beobachtung. In: Comparativ, Bd. 16, Heft 3, 2006. S. 13-29 (mehr)
- Stefan Beck: Enacting Genes – Anmerkungen zu Familienplanung und genetischen Screenings in Zypern. In: Sigrid Graumann, Katrin Grüber (Hg.): Biomedizin im Kontext (= Mensch, Ethik und Wissenschaft, Bd. 3). Münster 2006. S. 221-237 (mehr)
- Stefan Beck: Wissenschaft und die Transformation des Alltags – sozialanthropologische Anmerkungen zur Variation biopolitischer Regimes. In: B. Liebig, M. Dupuis, I. Kriesi, M. Peitz (Hg.): Mikrokosmos Wissenschaft. Transformationen und Perspektiven. (Interdisziplinäre Vortragsreihe der Eidgenössischen TH und der Universität Zürich. Hochschulforum, Bd. 39.) Zürich 2006: Universitätsverlag. S. 205-226 (mehr)
- Michi Knecht: Spätmoderne Genealogien. Praxen und Konzepte verwandtschaftlicher Bindung und Abstammung. In: Maren Klotz, Michi Knecht, Nevim Cil, Sabine Hess, Stefan Beck (Hg): Verwandtschaft machen. Berliner Blätter. Ethnographische und ethnologische Beiträge, Bd. 42, 2007. S. 92-107 (mehr)
- Michi Knecht: Reproduktionstechnologien und die Biomedikalisierung von Verwandtschaft – Anmerkungen aus ethnographischer Perspektive. In: Das Argument 275, 2008. S. 179-194 (mehr)
- Michi Knecht: Contemporary Uses of Ethnography. Zur Politik, Spezifik und gegenwartskulturellen Relevanz ethnographischer Texte. (mehr)
- Michi Knecht, Sabine Hess: Reflexive Medikalisierung im Feld moderner Reproduktionsmedizin. Zum aktiven Einsatz von Wissensressourcen in gendertheoretischer Perspektive. In: Nikola Langreiter, Elisabeth Timm u.a. (Hg.): Wissen und Geschlecht (Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Ethnologie), Wien, 2008. (mehr)
- Stefan Beck, Michi Knecht, Sabine Hess: Verwandtschaft in Transformation. „Making Kin“ in transnationalen Räumen. In: Jörg Baberowski, Hartmut Kaelble, Jürgen Schriewer (Hg): Selbstbilder und Fremdbilder. Campus, 2008. (im Druck). S. 365-397 (mehr)
- Michi Knecht: Ethnographische Wissensproduktion und der Körper als ethnographisches Objekt im Feld moderner Reproduktionsmedizin. In: Beate Binder, Silke Göttsch, Wolfgang Kaschuba, Konrad Vanja (Hg.): Ort. Arbeit. Körper. Ethnographien europäischer Modernen. Münster / New York München / Berlin: Waxmann Verlag 2005. S. 421-429 (mehr)
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