C2: Berufliche Deutungsmuster
Konstruktion sozialer Deutungsmuster aus dem Geist nationaler Selbstbestimmung: Beruf und Bildung im peronistischen Argentinien und in der indischen Unabhängigkeitsbewegung
Historisch gegebene und von Wandlungsprozessen in Technologie und Wirtschaft geformte Arbeitspositionen sind nicht identisch mit gesellschaftlich anerkannten Repräsentationen von "Beruf". Die strukturelle Differenz zwischen konkret (in Fabrik, Werkstatt oder Büro) abverlangten Arbeitsvollzügen und sozial (durch Verbände, Kammern oder Administrationen) verbrieften Befähigungsprofilen ist vielmehr ein Charakteristikum moderner Gesellschaften. Mehr noch: die Berufsform als solche, die Vorstellung einer gesellschaftsweit anerkannten und zertifizierten "expertenschaftlichen" Qualifikation (Harney), ist keineswegs selbstverständlich. Solche Repräsentationen sind vielmehr in hohem Maße kultur- und kontextabhänig und führen historisch weit zurückreichende Deutungstraditionen mit sich. In ihnen verdichten sich kollektive Erfahrungen ganzer Gesellschaften bzw. gesellschaftlich relevanter Gruppen und die Verarbeitung solcher Erfahrungen in Gestalt von Interpretationen, Sinnverarbeitungsschemata oder überindividuellen Vorstellungen.
Ziel und besonderer Reiz dieses Projekts ist es daher, die semantischen Ressourcen, Deutungsmuster oder Repräsentationen von "Arbeit", "Beruf" und "Beruflichkeit", welche durch ihre Sinnangebote den Aufbau unterschiedlicher Strukturen beruflicher Ausbildung befördert, erschwert oder auch verhindert haben, im Vergleich unterschiedlicher zivilisatorischer Räume zu untersuchen. Dabei macht sich das Projekt theoretische Modelle über spezifische Ordnungsprobleme beruflicher Ausbildung im Überschneidungsbereich von Wirtschaft (d.h. der Sinnsphäre monetärer Rationalität) und Erziehung (der Sinnsphäre personenbezogener Förderung) zunutze, die aufgrund von Untersuchungen im europäischen Raum gut plausibilisiert sind. Denn bezogen auf solche Ordnungsprobleme haben berufliche Deutungsmuster ihren durch Alternativen kaum substituierbaren Stellenwert. Im Zentrum der Projektarbeiten steht mithin die Gestaltungskraft beruflicher Deutungsmuster für den Aufbau, die Formgebung, die Adaptationsfähigkeit oder auch die weitgehende Informalität beruflicher Ausbildungsstrukturen in anderen, vom westlichen Europa verschiedenen zivilisatorischen Räumen.
Wie schon in der ersten Förderperiode konzentriert sich das Projekt auf den Vergleich einer hispano-amerikanischen Gesellschaft, nämlich Argentiniens, mit einer asiatischen Gesellschaft, nämlich Indien. Ein solches Vergleichsarrangement erlaubt es nicht nur, die Herausbildung berufsbezogener Repräsentationen aus sehr unterschiedlichen sozialhistorischen und semantischen Voraussetzungen zu verfolgen. Es legt vielmehr auch nahe, die Überformungen, Hybridisierungen oder Verdrängungen autochthoner Deutungstraditionen infolge der sukzessiven Transferprozesse zu analysieren, welche zunächst durch koloniale Abhängigkeitsstrukturen bedingt waren, während sie später durch die technologisch-industrielle Expansionsdynamik Europas bzw., im Verlauf des 20. Jahrhunderts, durch variierende politische Konstellationen ausgelöst wurden. Nicht zuletzt wird sich das Projekt in besonderer Weise auf die politischen Umbruchsphasen konzentrieren, die in den 1930er bis 1960er Jahren mit dem argentinischen Peronismus bzw. mit dem Kampf um die indische Unabhängigkeit verbunden waren. Ungeachtet nämlich divergierender Entwicklungsprozesse und daraus resultierender Deutungstraditionen durchliefen beide Länder im 20. Jahrhundert weitgehend analoge Umbrüche, die auf nationale Selbstbestimmung und gesellschaftliche Transformation ausgerichtet waren und mit tiefgreifenden wirtschafts-, sozial- und ausbildungspolitischen Neuentwürfen Hand in Hand gingen.
SFB-Publikationen von Mitgliedern dieses Teilprojekts
- Jörg Baberowski, Hartmut Kaelble, Jürgen Schriewer (Hg): Selbstbilder und Fremdbilder. Repräsentationen sozialer Ordnungen im Wandel. Campus, 2008. (im Druck). (mehr)
- Jürgen Schriewer (Hg): Weltkultur und kulturelle Bedeutungswelten. Zur Globalisierung von Bildungsdiskursen. Campus, 2007. (mehr)
- Veronica Oelsner, Eugenia Roldán-Vera, Carlos Martínez: Modernisierung und Herrschaftskonstruktion: Die Bildungsmissionen als Begegnung zwischen Regierung und Landgemeinden in postrevolutionären Mexiko (1923-1940) und peronistischen Argentinien (1946-1955). In: Jörg Baberowski, David Feest, Maike Lehmann (Hg): Dem Anderen begegnen. Campus, 2009. (im Druck). (mehr)
- Veronica Oelsner: Representations of Modernization and Vocational Education in Argentina at the Beginning of the Twentieth Century. In: Vincent Houben, Mona Schrempf (Hg): Figurations of Modernity. Campus, 2008. (mehr)
- Veronica Oelsner: La búsqueda de modelos educativos en el extranjero: Condicionantes de las distintas preferencias a partir del ejemplo del debate entre Pizarro y Sarmiento en Argentina en 1881. In: Historia de la Educación: Anuario, N° 8. (mehr)
- Veronica Oelsner, Barbara Schulte: Variationen des Anderen: Die Wahrnehmung ausländischer Bildungsmodelle in der argentinischen und chinesischen Modernisierungsdebatte im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert. In: Barbara Schulte (Hg): Transfer lokalisiert. Leipziger Universitäts-Verlag, 2006. (mehr)
- Veronica Oelsner: Die europäische Einwanderung in Argentinien (1810-1914). Politikkonzepte, staatliche Förderung und Auswirkungen auf die argentinische Arbeitswelt. In: Themenportal Europäische Geschichte, 2007. (mehr)
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