B5: Multiethnizität
Repräsentationen von (Multi-)Ethnizität in Großbritannien. Ende der 1950er bis Ende der 1970er Jahre
Die neue Erfahrung verstärkter Zuwanderung farbiger Immigranten forderte nach dem Zweiten Weltkrieg die soziale Ordnung Großbritanniens heraus. Wie konfliktträchtig diese Herausforderung war, verdeutlichten 1958 die Rassenunruhen in Notting Hill und Nottingham. Diese Rassenunruhen sind der Ausgangspunkt des Projekts, denn als Reaktion darauf bildeten sich neue Repräsentationssysteme von Ethnizität heraus.
Wissenschaft und Carnival
Das Projekt setzt an zwei Punkten an. Es fragt danach, wie die Existenz verschiedener ethnischer Gruppen wahrgenommen und wissenschaftlich gedeutet wurde und welche Deutungsmuster aus anderen Gesellschaften in britische Repräsentationssysteme transferiert wurden. Im Untersuchungszeitraum spielten die Sozialwissenschaften eine zentrale Rolle in der Generierung und Darstellung dessen, was Gesellschaften über sich selbst wissen.
Doch durch das zunehmende Auftreten der „Fremden“ als selbstbewusste Subjekte verloren diese wissenschaftlich begründeten Formen von Repräsentation seit den 1970er Jahren an Legitimation. Daher werden auch Repräsentationsformen ethnischer Gruppen und ihre Identitätsbildung untersucht. Denn Merkmale, die eine Unterscheidung zwischen Identität und Alterität überhaupt erst ermöglichen, werden sozialen Gruppen nicht nur von außen zugeschrieben, sondern Gruppenmitglieder selbst nehmen Gemeinsamkeiten untereinander wahr und/oder konstruieren sie.
Perspektive der Race-Relations-Forschung
Angesichts der neuen Zuwanderung entwickelten Sozialwissenschaftler Stereotypen einer „fremden“ und der „eigenen“ britischen Identität, die auf der essentialistischen Annahme der kulturellen Verschiedenheit der farbigen und weißen Bevölkerung basierten. Selbstkonzeptionen der ethnischen Gruppen wurden außer Acht gelassen, sie wurden in die Rolle der „Objekte“ geschoben.
Die britischen Sozialwissenschaften lehnten sich an die US-amerikanische Forschung an, die sich schon seit den 1920er Jahren mit „Rassenbeziehungen“ befasst hatte. In der Folge gingen die Deutungsmuster der US-amerikanischen Wissenschaftler in die britische Forschung ein und wurden zu Repräsentationen der britischen Gesellschaft.
Perspektive der Afrokariben
„It’s our Carnival“, postulierten die afrokaribischen Bewohner Londons in den 1970er Jahren. Diese Forderung bestand nicht von Anfang an: Der Notting Hill Carnival war nicht immer ein karibisches Fest – und vor allem musste das „Wir“ in Abgrenzung zu den „Anderen“ erst herausgebildet werden. Die meisten Afrokariben waren nämlich mit der Vorstellung nach Großbritannien gekommen, in ihr Mutterland zurückzukehren.
Erst allmählich entwickelten die afrokaribischen Bewohner Londons mit dem Notting Hill Carnival eine eigene Identität. Dabei orientierten sie sich mit der Zeit an verschiedenen Konzepten (an Trinidad mit seinem Carnival, an Jamaika mit Rastafarianismus und Reggae, an Afrika). Diese unterschiedlichen Orientierungen schlugen sich im Fest und damit auch im Selbstverständnis der Afrokariben nieder und führten (mitunter konfliktreich) zu einer neuen Aushandlung von Eigenem und Anderem.
Material und Methode
Repräsentationen werden verstanden als Wahrnehmung sozialer Zustände, ihre handlungsleitende Verarbeitung, die Organisation von Wissen sowie als Praktiken, um eine eigene Realität zu konstruierten und auszudrücken. Methodisch wird mit der Transferforschung und den Post-Colonial Studies gearbeitet. Quellengrundlage sind Unterlagen sozialwissenschaftlich interessierter Stiftungen, Lokalzeitungen, Äußerungen der Afrokariben.
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