B1: Vertrauen durch Anwesenheit
Vertrauen durch Anwesenheit. Vormoderne Herrschaftspraktiken im zarischen Vielvölkerreich
Das Projekt betrachtet die Herrschaft als ein kulturelles Phänomen. Die Entstehung des Staates ist eine kulturelle Praxis, ein Prozess des Austausches von Wahrnehmungen, Deutungen, Normen, oder - Repräsentationen. Unter Repräsentationen versteht ein kulturgeschichtlich orientierter Ansatz, dem wir uns verpflichtet fühlen, die Vorstellungen, gleichzeitig aber auch die Darstellungen, "mit denen Individuen und Gruppen ihrer Welt einen Sinn verleihen" (Roger Chartier).
Die Repräsentationen von Staat, welche im Russischen Imperium Ende des 19. Jahrhunderts die zarischen Eliten und die bäuerliche Bevölkerung hatten und miteinander austauschten, sind unser Untersuchungsgegenstand. Als Ergebnis dieses Austausches entstand eine Form von Herrschaft.
Die Grundlage jeder Herrschaft bildet das Vertrauen. In modernen Gesellschaften gehört Vertrauen in die verschiedenen Institutionen zum Alltag. Wir nehmen die staatlichen Strukturen und das komplizierte institutionelle Regelwerk als selbstverständlich hin. Im Gegensatz dazu war die vormoderne Herrschaft auf die Anwesenheit eines Herrschers und seiner Vermittler angewiesen und war daher eine Anwesenheitsgesellschaft. Vertrauen musste erst geschaffen werden, damit die Institutionen entstehen konnten.
Das Teilprojekt B1 beschäftigt sich mit der Frage, wie im multiethnischen Zarenreich die verschiedenen Repräsentationen von Herrschaft aufeinandertrafen. Gerade in Krisensituationen werden die Grenzen der Kommunikation zwischen Eliten und Bauern, zwischen Herrschern und Beherrschten besonders deutlich. Daher widmet sich das Teilprojekt B1 in der zweiten Phase besonders den Ausnahmesituationen, in denen sich Eliten und Bauern mit ihrer Weltsicht gegenübertraten. Die einzelnen Projekte untersuchen daher Räume des multiethnischen Zarenreiches, in denen sich die Herrschaftspraktiken und die verschiedenen Repräsentationssysteme der Anwesenheitsgesellschaft einander begegneten.
Mit Hilfe des hermeneutischen Verfahrens soll ein Zugang zur Sichtweise der Akteure hergestellt werden. Durch dichte Beschreibung soll der Frage nach der Entstehung sozialer Ordnungen nachgegangen werden. Im Umkehrschluss, versuchen wir, die Auswirkungen der Herrschaftspraktiken auf die Weltsicht der Beamten und Bauern zu erforschen. Der Repräsentationenaustausch – oder Austausch der Staatlichkeitsvorstellungen – soll vergleichend zwischen dem Zentrum und der Peripherie des Russischen Imperiums sowie zwischen den verschiedenen Gouvernements erforscht werden.
SFB-Publikationen von Mitgliedern dieses Teilprojekts
- Jörg Baberowski (Hg): Arbeit an der Geschichte. Wie viel Theorie braucht die Geschichtswissenschaft?. Campus, Frankfurt am Main / New York 2010. (mehr)
- Jörg Baberowski, Gabriele Metzler (Hg): Gewalträume. Soziale Ordnungen im Ausnahmezustand. Campus, Frankfurt am Main / New York 2012. (mehr)
- Jörg Baberowski, Hartmut Kaelble, Jürgen Schriewer (Hg): Selbstbilder und Fremdbilder. Repräsentationen sozialer Ordnungen im Wandel. Campus, 2008. (mehr)
- Jörg Baberowski, David Feest, Christoph Gumb (Hg): Imperiale Herrschaft in der Provinz. Repräsentationen politischer Macht im späten Zarenreich. Campus, 2008. (mehr)
- Jörg Baberowski, David Feest, Maike Lehmann (Hg): Dem Anderen begegnen. Eigene und fremde Repräsentationen in sozialen Gemeinschaften. Campus, 2009. (mehr)
- Jörg Baberowski, David Feest, Priska Jones (Hg): Repräsentation sozialer Ordnungen. Formen und Theorien. Campus, 2008. (in Vorbereitung). (mehr)
- Jörg Baberowski: Der rote Terror. Die Geschichte des Stalinismus. Fischer, München 2003. (mehr)
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