A7: Arabische Identitätspolitik
Identitätspolitik in Neuordnungsprozessen in Marokko und Irak
Die ökonomischen, sozialen und politischen Entwicklungen der letzten dreißig Jahre in Nahost und Nordafrika stellen das Konzept der "arabischen Nation" zunehmend infrage. Entgegen dem von der Unabhängigkeitsbewegung vorgetragenen Postulat der "arabischen Einheit" fordern heute immer mehr nicht-arabische sowie nicht-islamische Gruppen ihre gesellschaftliche Anerkennung; durch Unterricht in der eigenen Sprache, durch die Medien, Museen und Denkmäler oder parlamentarische Vertretung. Hier setzt das Projekt A7 an und fragt danach, wie in gesellschaftlichen Neuordnungsprozessen Identitätspolitik ausgestaltet wird.
In der identitätspolitischen Praxis kommunizieren Akteure mittels abstrakter Begriffe und solchen Repräsentationen, die auf sinnliche Weise wahrnehmbar sind wie etwa Bilder und Farben oder Kleidung. Dabei sind jedoch neue Identitätsentwürfe durch gesellschaftlich dominante Repräsentationen limitiert. Für arabische bzw. arabisch-sunnitische Akteure hingegen mag die Infragestellung bisheriger, die Herrschaft legitimierender Konzepte zu Unsicherheit über das Eigene führen. Dann werden Repräsentationen in ihren Eindeutigkeitsansprüchen stärker zur Sprache gebracht.
Dies scheint besonders für den Irak zuzutreffen. Auf der Verfassungsebene wurde die Idee eines arabisch-sunnitischen Zentralstaats zugunsten des Konzepts "federal state" und des Begriffes "pluralistic system" aufgegeben. Viele arabische Sunniten hingegen lehnen das Föderalismus-Projekt ab, weil sie den gänzlichen Verlust ihres politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Einflusses befürchten. Unterliegt Identitätspolitik im Irak der Logik entfesselter Gewalt, so kann die Verhandlung von bisher herrschenden Konzepten arabisch-sunnitischer Dominanz auch weniger konfliktuell erfolgen.
Staatlich gelenkte Identitätspolitik in Marokko läuft offenbar darauf hinaus, dass bisher benachteiligte Gruppen mehr integriert werden. So betonte König Mohammed VI. in seiner Thronrede vom 30. Juli 2001 die Bedeutung von kultureller Vielfalt und "identité plurielle" für das Land Marokko als "nation unifiée".
Vorstellungen einer pluralen und vielfältigen Gesellschaft werden im Forschungsfeld Marokko am Beispiel der medialen Inszenierung "des Jüdischen" untersucht. Im Mittelpunkt stehen dabei Kulturgüter, deren Wahrnehmung durch die Öffentlichkeit, Reden des Königs, Stellungnahmen staatlicher und nicht-staatlicher Akteure sowie Print- und Onlinemedien, in denen zu einem gewichtigen Teil die Debatten um Pluralität reflektiert und geführt werden. Das Forschungsfeld Irak wird an Hand von Mediensprache politischer Akteure zeigen, wie Begriffe, Symbole und Bilder eingesetzt werden, um Gruppenidentitäten zu erinnern, zu bestätigen und zu konstruieren. Dabei geht es vor allem um Konzepte, mit denen "Vielzahl" und "Vielfalt" beschrieben und bewertet werden.
Das Ziel des Teilprojekts besteht darin, am Beispiel von konsensueller Transformation in Marokko und konfliktueller Transformation im Irak zu zeigen, wie Repräsentationen in Phasen von Unsicherheit und Wandel als Mittel der Selbstvergewisserung und zur Durchsetzung von partikularistischen Interessen eingesetzt werden. Das Projekt will Möglichkeiten einer Entwicklung von Pluralität als sozialer Struktur hin zu Pluralismus als spezifisches Konzept politischen Handelns nachspüren und somit einen Beitrag zur Debatte um sozialen Wandel in der "Arabischen Welt" leisten.
Kalender
English
