A4: Zeremonielle Pädagogik
Zeremonielle Pädagogik in radikalen Modernisierungsschüben agrarischer Gesellschaften: Japan, Russland und Mexiko in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts
Es gibt Ausnahmesituationen in der Geschichte der Völker und Nationen, in denen revolutionäre Programme zur radikalen Neugestaltung von Staat und Gesellschaft nicht nur abstrakt verordnet, sondern zugleich durch sinnfällige Symbolisierung, öffentliche Visualisierung oder zeremonielle Inszenierung allgemein zu Bewusstsein gebracht – "repräsentiert" – werden.
Solche Formen "Zeremonieller Pädagogik" finden sich typischerweise im Kontext tiefgreifender sozialrevolutionärer Umstürze (von "Revolutionen" im Sinne von Skocpol); sie finden sich nicht minder aber auch in den radikalen Modernisierungsschüben, welche als „Revolutionen von oben“ von den politischen Eliten vorwiegend agrarischer Gesellschaften ins Werk gesetzt wurden.
Eben solche Konstellationen von "Zeremonieller Pädagogik" in Umbruchssituationen sind Gegenstand dieses Projekts. Als fruchtbare Vergleichseinheiten dienen, wie schon in der ersten Förderperiode, Japan, Russland und Mexiko. In allen drei Fällen konzentriert sich das Projekt auf nur wenige Jahrzehnte krisenhaften Umbruchs in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts: auf die als Meiji-"Revolution" bezeichnete radikale Umgestaltung Japans seit den 1860er Jahren; auf die "Großen Reformen" im zarischen Russland zwischen 1860 und 1890; auf die Phase des so genannten "Zweiten Liberalismus" in Mexiko zwischen etwa 1855 und 1876.
In allen drei Kontexten zielte der Einsatz "ästhetischer" – also, im ursprünglichen Sinne des Wortes, sinnlich erfahrbarer – Repräsentationsformen darauf ab, die kontrafaktisch gegen vormoderne Strukturen gerichteten Neuordnungs-Entwürfe sowie die Ideen und Mythen, die solche Entwürfe und ihre Durchsetzung legitimierten, massenwirksam zu vermitteln und sozialisatorisch zu verankern. Gegenüber den charakteristischen Beständen der Tradition – ständischer Hierarchisierung, regionaler Fragmentierung, korporativer Privilegierung oder autoritativer Wissensbewahrung – galt es, die ebenso neuartigen wie fremden Muster kultureller Homogenisierung, nationaler Integration, rechtlicher Gleichstellung und rationaler Wissenserzeugung als unhintergehbare Schritte auf dem Weg zu einer an europäischen Vorbildern wahrgenommenen Moderne darzustellen.
Aber nicht allein um Darstellung ging es dabei. Vielmehr zielte der Einsatz ästhetischer und prozeduraler Repräsentationsformen darauf ab, breiteste Bevölkerungsschichten kraft emotionaler Überwältigung und bewusstseinsformender Beeindruckung auf die neuen Ordnungsmuster so zu verpflichten, dass durch das überzeugte Handeln der Vielen die politisch antizipierte neue Gesellschaftsordnung sich auch herstellen ließ.
Dass dabei die Begegnung zwischen den abstrakten Entwürfen städtisch-aufgeklärter Eliten mit den von Tradition, Religion und Gewohnheit geprägten Vorstellungen der bäuerlichen und großenteils illiteraten Bevölkerung konflikthaft verlief, versteht sich von selbst. Die Aufmerksamkeit der Projektmitarbeiter gilt mithin ebenso sehr den Umbruchsituationen auf der Ebene makrosozialer Transformationen und Politiken wie (um mit Huntington zu sprechen) dem "clash of representations" auf der Ebene der handelnden und erlebenden Akteure.
SFB-Publikationen von Mitgliedern dieses Teilprojekts
- Stefan B. Kirmse (Hg): One Law for All? Western models and local practices in (post-) imperial contexts. Campus, Frankfurt am Main / New York 2012. (mehr)
- Jörg Baberowski (Hg): Arbeit an der Geschichte. Wie viel Theorie braucht die Geschichtswissenschaft?. Campus, Frankfurt am Main / New York 2010. (mehr)
- Stefan B. Kirmse: New Courts in Late Tsarist Russia: Of Imperial Representation and Muslim Participation. (mehr)
- Jörg Baberowski, Gabriele Metzler (Hg): Gewalträume. Soziale Ordnungen im Ausnahmezustand. Campus, Frankfurt am Main / New York 2012. (mehr)
- Jörg Baberowski, Hartmut Kaelble, Jürgen Schriewer (Hg): Selbstbilder und Fremdbilder. Repräsentationen sozialer Ordnungen im Wandel. Campus, 2008. (mehr)
- Eugenia Roldán-Vera, Marcelo Caruso (Hg): Imported Modernity in Post-Colonial State Formation. The Appropriation of Political, Educational, and Cultural Models in Nineteenth-Century Latin America. Peter Lang, Frankfurt am Main 2007. (mehr)
- Jürgen Schriewer (Hg): Weltkultur und kulturelle Bedeutungswelten. Zur Globalisierung von Bildungsdiskursen. Campus, 2007. (mehr)
- Jörg Baberowski, David Feest, Christoph Gumb (Hg): Imperiale Herrschaft in der Provinz. Repräsentationen politischer Macht im späten Zarenreich. Campus, 2008. (mehr)
- Jörg Baberowski, David Feest, Maike Lehmann (Hg): Dem Anderen begegnen. Eigene und fremde Repräsentationen in sozialen Gemeinschaften. Campus, 2009. (mehr)
- Eugenia Roldán-Vera: Modern Indians: The Training of Indigenous Teachers in Post-Revolutionary Mexico. In: Vincent Houben, Mona Schrempf (Hg): Figurations of Modernity. Campus, 2008. S. 67-83 (mehr)
- Eugenia Roldán-Vera: Export as Import: James Thomson’s Civilizing Mission in South America. In: Eugenia Roldán-Vera, Marcelo Caruso (Hg): Imported Modernity in Post-Colonial State Formation. Peter Lang, 2007. S. 231-276 (mehr)
- Eugenia Roldán-Vera: Rundfunk, Erziehung und sozialer Wandel: Die Weimarer Republik und Mexiko nach der Revolution im Vergleich. In: Jahrbuch für historische Bildungsforschung, 14 (2008). (mehr)
- Eugenia Roldán-Vera, Carlos Martínez: Exhibiting the Revolutionary School: Mexico in the Ibero-American Exhibition in Seville, 1929. In: Bulletin of the Bureau International des Expositions 34 (2006). S. 133-155 (mehr)
- Thomas Schupp, Eugenia Roldán-Vera: Network Analysis in Comparative Social Sciences. In: Comparative Education 42 (3), August 2006. S. 405-429 (mehr)
- Eugenia Roldán-Vera: 'Pueblo' y 'pueblos' en México, 1750-1850: un ensayo de historia conceptual. In: Araucaria: Revista Iberoamericana de Filosofía, Política y Humanidades 17 (2007). S. 268-288 (mehr)
- Jörg Baberowski, David Feest, Priska Jones (Hg): Repräsentation sozialer Ordnungen. Formen und Theorien. Campus, 2008. (in Vorbereitung). (mehr)
- Jörg Baberowski: Der rote Terror. Die Geschichte des Stalinismus. Fischer, München 2003. (mehr)
- Veronica Oelsner, Eugenia Roldán-Vera, Carlos Martínez: Modernisierung und Herrschaftskonstruktion: Die Bildungsmissionen als Begegnung zwischen Regierung und Landgemeinden in postrevolutionären Mexiko (1923-1940) und peronistischen Argentinien (1946-1955). In: Jörg Baberowski, David Feest, Maike Lehmann (Hg): Dem Anderen begegnen. Campus, 2009. (im Druck). (mehr)
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