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Sonderforschungsbereich 640: Repräsentationen sozialer Ordnungen im Wandel
Sie sind hier: Startseite Teilprojekte A3: Frühneuzeitliche Machtsysteme „Religiöse und säkulare Repräsentationen in Machtsystemen der Frühen Neuzeit“

„Religiöse und säkulare Repräsentationen in Machtsystemen der Frühen Neuzeit“

Gesamtkonzeption des Projekts.

Das Teilprojekt „Religiöse und säkulare Repräsentationen im frühneuzeitlichen Europa“ widmete sich in der Laufphase von 2004-2008 der Untersuchung des Wandels religiöser Repräsentationen. Die verschiedenen Untersuchungsfelder ergänzten sich in ihrer zeitlichen und thematischen Ausrichtung. Es wurde grundsätzlich ein Bedeutungsverlust des Religiösen festgestellt, aber auch immer wieder eine potentielle Umkehrbarkeit dieser Entwicklung. Vor allem aber wurde deutlich, dass Säkularisierung im frühneuzeitlichen Europa schichtenspezifisch und sektoral zeitlich verschoben und inhaltlich divers ablief: Säkularisierung war also kein linearer Königsweg in die Moderne.

Im Folgeprojekt „Religiöse und säkulare Repräsentationen in Machtsystemen der Frühen Neuzeit“ soll dieser Befund durch eine Analyse des Zusammenhangs zwischen politischen Entwicklungen und ihren jeweiligen religiösen wie säkularen Repräsentationen weiter ausgearbeitet werden. Dabei ist von einem Spannungsverhältnis zwischen einer auf lange Sicht zunehmend als autonom verstandenen Sphäre des Politischen und dem Legitimationsbedarf politischer Macht durch religiöse Repräsentationen auszugehen. Haben religiöse Repräsentatinenen eine stabilisierende Funktion in Krisen? Wie gestaltete sich das Verhältnis von religiösen und säkularen Repräsentationen angesichts gesellschaftlicher Krisen im Einzelnen? Stellen zum Beispiel politische Umbruchsituationen in der Frühen Neuzeit Weichen für die Visualisierung und Kommunizierbarkeit von Macht? Ist hierbei eine Freisetzung politischer Macht von religiösen Repräsentationen zu beobachten? Und inwieweit benötigt auch eine nicht-religiöse Sphäre des Politischen religiös besetzte Symbole, um Legitimität herzustellen, beziehungsweise werden religiöse Repräsentationen in politischen Zusammenhängen relevant?

Die fünf Untersuchungsfelder des Teilprojekts nähern sich diesem Thema durch unterschiedliche Zugänge:

  1. Dagmar Drösser untersucht anhand der Klosteraufhebungen im Kurfürstentum Sachsen die Wechselwirkung von politischen und religiösen Repräsentationen. Ihre Arbeit beleuchtet die Machtrepräsentation der Kurfürsten einerseits und Formen der Krisenbewältigung durch die Nonnen und Mönche andererseits. Im Fokus steht die Veränderung der sozialen Ordnung während der Klosteraufhebungen.
  2. Vera Isaiasz fragt nach der politisch-religiösen Deutung des protestantischen Kirchenbaus im öffentlichen Diskurs des 17./ 18. Jahrhunderts. Kirchengebäude sollen als Orte untersucht werden, an denen der Grad der Autonomisierung von Politik ablesbar wird und gleichzeitig der verbliebene Anspruch der Religion als gesellschaftliche Legitimationsbasis ihren sichtbaren Ausdruck erfährt.
  3. Nadine Lehmann setzt sich mit reformierten Bilderstürmen in Residenzstädten um 1600 auseinander. Im Vordergrund dieses Projektes stehen vor allem die Untersuchung des spannungsreichen Verhältnisses religiöser und politischer Repräsentationen sowie die Frage nach den hierin zum Ausdruck kommenden Bild- und Visualisierungskonzepten.
  4. Ramon Voges widmet sich den Repräsentationen von Macht, Glaube und Gewalt in den Bildberichten Franz und Abraham Hogenbergs zwischen 1570 und 1612. Eine Untersuchung der Hogenbergschen Drucke auf ihre semantischen und narrativen Strukturen hin soll nicht nur Erkenntnisse über die Rolle religiöser Repräsentationen angesichts der französischen Religionskriege und des Aufstandes der Niederlande liefern, sondern zugleich Rückschlüsse auf die Bedeutung von Visualität und Bildlichkeit für die Repräsentation von Macht und Herrschaft ermöglichen.
  5. Ruth Schilling untersucht das Verhältnis von politischen und religiösen Repräsentationen der Monarchie am Beispiel Dänemarks und Frankreichs von 1643-1839. Generell befasst sich ihr Projekt mit den Grenzen der Säkularisierbarkeit politischer Herrschaft in der zweiten Hälfte der Frühen Neuzeit.


Der Begriff der ‚Repräsentation’

Das Untersuchungsprojekt fasst Repräsentationen politisch-sozialer Ordnung gleichzeitig als Vorstellungen und Darstellungen sozialer und politischer Strukturen einschließlich der gesellschaftlichen Positionen der Akteure und Rezipienten auf. Der Begriff der ‚Repräsentation’ beinhaltet Vorstellungen und Darstellungen, die die Welt nicht einfach so abbilden, wie sie ist, sondern die Welt in medial differenzierter Weise so abbilden, wie die jeweiligen Akteure meinen, dass sie beschaffen sei oder sein sollte. Vorstellungen lassen sich nur als Darstellungen erfassen. Gleichzeitig strukturiert die Materialität der Darstellung wiederum die Vorstellung. Die Form der Darstellung beeinflusst also die Form der Vorstellung und umgekehrt, ein Verhältnis, für den der Begriff der Repräsentation treffend ist. Das Spannungsverhältnis zwischen Vorstellung und Darstellung lässt sich für eine Analyse des Zusammenhangs zwischen Repräsentation und politisch-sozialen Umbrüchen fruchtbar machen.


Politisch-soziale Ordnungen im Vergleich

Der Begriff ‚Machtsystem’ dient als übergreifender Begriff zur Charakterisierung von politisch-sozialen Strukturen differenter frühneuzeitlicher Gesellschaftstypen. Die politisch-sozialen Ordnungen, die in den einzelnen Untersuchungsfeldern ausgewählt wurden, sind sehr unterschiedlich. So konzentriert sich das Projekt von Vera Isaiasz auf die konkurrierenden Ordnungen der Stadt und des Hofes sowie der städtischen, beziehungsweise überstädtischen konfessionellen Vergemeinschaftung im Reich. Anhand der obrigkeitlich durchgeführten Bilderstürme, die den Untersuchungsgegenstand von Nadine Lehmann bilden, wird die Krisenhaftigkeit der Produktion sozialer Ordnung im Zeitalter der Konfessionalisierung sichtbar. Hier zeigen sich deutlich die Grenzen landesherrlicher Macht. Dagmar Drösser konzentriert sich auf die Strukturen politischer Repräsentation und ihrer Erfaßbarkeit in einer konfessionellen Ordnung. In Ramon Voges’ Untersuchungsfeld ist es gerade die Spannung zwischen konfessioneller und politischer Ordnung, die zu gesellschaftlichen Krisen und Umbrüchen führt und als Rahmenbedingung für die Entstehung der Hogenbergschen Bildberichte zu betrachten ist. In Ruth Schillings Untersuchungsgebiet wiederum dient die Person des Monarchen als Brennglas für die Aushandlung politischer, d.h. ständischer beziehungsweise proto-nationaler, und religiöser, d.h. konfessioneller oder monarchisch-religiöser, Ordnungsvorstellungen. Der Herrschaftswechsel ist als Krise zu begreifen, da in ihm die Ordnungsfunktion der Monarchie jeweils neu ausgerichtet werden musste.
Die unterschiedlichen Fallbeispiele ermöglichen, im Ergebnis äußerst differenzierte und bisweilen umkehrbare Prozesse von Säkularisierung zu beobachten. Dabei ist von Vorteil, dass sich die Untersuchungsprojekte zeitlich ergänzen und eine Spannbreite von 1500-1839 abdecken.


Der Stellenwert der ‚Krise’ als Fokussierung

Alle fünf Untersuchungsfelder befassen sich mit dem Verhältnis von politischen und religiösen Deutungsmustern im Moment der Krise der ursprünglich religiös-politischen Ordnung. Dagmar Drösser deutet in ihrer Arbeit die Reformation als Krise. Sie steht nicht nur für einen Umbruck, sondern auch für eine Neustrukturierung und einen Neubeginn. Diese lassen sich in den politischen und religiösen Darstellungen erfassen. In Vera Isaiasz’ Projekt ist diese Krise im Infragestellen der städtischen Sakralgemeinschaft im Rahmen postkonfessioneller Frömmigkeitsbewegungen und Tendenzen der Aufklärung und Entkirchlichung zu sehen. Zudem verändern sich die Bedingungen politischer und religiöser Selbstdarstellung im Rahmen des Wandels der Öffentlichkeit im 18. Jahrhundert. In Ramon Voges’ Untersuchungsfeld führen die politisch-konfessionellen Krisen in den Niederlanden und Frankreich zu einer besonders eminenten semantischen Aufladung politischer und religiöser Repräsentationen, wie sie in den Bildberichten greifbar werden. In Ruth Schillings Projekt wird der jeweilige Herrschaftswechsel als Umbruchsituation begriffen, in denen die religiöse und politische Legitimation der Monarchie immer wieder ausgerichtet werden musste, während in der Arbeit von Nadine Lehmann die Konversion des Herrschers zur reformierten Konfession in die Krise führte, die im Ikonoklasmus ihren Höhepunkt fand.
In allen Fällen sind es religiös-politische Repräsentationen, mit denen die jeweilige Krise der politisch-sozialen Ordnung bewältigt und neu gedeutet wird. Die unterschiedliche Lang- und Kurzzeitperspektive führt dazu, dass sich unterschiedlichen Typen der Säkularisierbarkeit politisch-religiöser Ordnungen und ihrer Repräsentationen feststellen lassen.


Methodik

In allen fünf Untersuchungsfeldern spielt der konfessionelle Faktor (vorkonfessionell, katholisch, lutherisch und reformiert sowie nicht- beziehungsweise areligiös) eine bedeutende Rolle. Durch die europäische Vergleichsperspektive wird es möglich sein, bestimmte Abhängigkeiten der Untersuchungsergebnisse unterschiedlichen europäischen oder konfessionellen Faktoren zuzuordnen.

Die einzelnen Untersuchungsfelder fußen auf jeweils unterschiedlichen Quellengattungen und damit unterschiedlichen methodischen Zugangsweisen; untersucht werden Raum (Vera Isaiasz), Bild (Ramon Voges), Visualisierung (Nadine Lehmann), Zeremoniell (Ruth Schilling) und Identität (Dagmar Drösser). Auf diese Weise ist es möglich, Abhängigkeiten der Veränderung und Kontinuität von politischen und religiösen Repräsentationen vom jeweils verwendeten Medium stärker als in der ersten Projektphase in den Blick zu nehmen. In der Auswahl dieser unterschiedlichen Untersuchungsgegenstände bietet sich auch eine interdisziplinäre Zusammenarbeit mit anderen Projekten und Arbeitsgruppen des SFBs an.

(Stand: 02.12.2009)

Vera Isaiasz, Ruth Schilling, Ramon Voges, Nadine Lehmann, Dagmar Drösser




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