Teilprojekt A1: Oratorik

Repräsentationen sozialer Ordnung auf politischen Zentralversammlungen. Oratorik - Zeremoniell - Funktion

Das Teilprojekt untersucht Repräsentationen sozialer und politischer Ordnungen auf Zentralversammlungen. Politische Zentralversammlungen werden dabei verstanden als Orte der Begegnung zwischen Herrscher/Regierung und Vertretern der jeweils als politisch maßgeblich geltenden Bevölkerungselemente eines staatlichen Gemeinwesens. Hier finden sich die Teilnehmer mit Repräsentationen der jeweils Anderen bezüglich der sozialen und politischen Ordnung des Landes konfrontiert; einer Ordnung, welche die inneren Verhältnisse des Gemeinwesens regeln und seinen Bestand gewährleisten soll, und über die deshalb Einigkeit erzielt werden muss. Der Austausch der Repräsentationen geschieht dabei primär mündlich, aber auch nonverbal und im Bild. Zentralversammlungen sind daher ein privilegierter Ort, um zu beobachten, wie kulturelle Sinnkonstruktion als "unabgeschlossenes Geschehen" in der Begegnung gesellschaftlicher Akteure zur Sprache gebracht und ins Bild gesetzt wird.

Unter der Leitung von Prof. Dr. Ingeborg Baldauf (Zentralasien-Seminar) und Prof. Dr. Johannes Helmrath (Mittelalterliche Geschichte) wird das in der ersten SFB-Phase binneneuropäisch und allein auf die Vormoderne ausgerichtete Projekt in der zweiten Phase im Sinne des transkulturellen und epochenübergreifenden Ansatzes des SFB weiterentwickelt. Erstmals werden mittel- und westeuropäische (englisches Parliament und spanische Cortes, 13.-16. Jh., Bearbeiter: Dr. Jörg Feuchter), randeuropäische (die russländische Duma 1906-1917, Bearbeiterin Dr. Dilara Usmanova) und außereuropäische Zentralversammlungen (die Loya Jirga Afghanistans, 1923-2004, Bearbeiter: Dipl.-Or. Benjamin Buchholz) in einem gemeinsamen Projekt historisch und kulturwissenschaftlich erforscht. In der vergleichenden Zusammenschau soll geprüft werden, ob es beim Aushandeln von konsensfähigen Repräsentationen von Staatlichkeit und Ordnung eine spezifische oder transkulturell ähnliche "Oratorik von Zentralversammlungen" gibt.

Allen hier untersuchten Versammlungen ist gemeinsam, dass bildlichen Medien eine wichtige Funktion zukommt - gerade auf dem Feld der Herrschaftsrepräsentation. Denn sie können wie Worte und Performanzen emotional bewegen, verändern und Neues hervorbringen. Der Arbeit an den Fallbeispielen wird daher eine Untersuchung visueller Repräsentationen von sozialen Ordnungen auf Versammlungen beigesellt (Bearbeiter: Bee Yun, M.A und Anna-Maria Blank, M.A.).

Für die Analyse aller Versammlungstypen des Projekts wird das Konzept der "Parlamentsoratorik" verwendet. Dieses übersteigt die klassische Rhetorik in zwei Hinsichten: Es beachtet die Pragmatik der Parlamentsreden als performative Sprechakte im sozialen und politischen Kontext, also die "Funktion sprachlicher Mittel für ein Machtspiel", und es analysiert die sequenzielle Einbettung dieser Reden in ebenfalls versammlungstypische, nonverbal-zeremonielle und bildlich-visualisierende Formen des Kommunizierens von politischem Willen. Versammlungsreden bilden also den Kern der textbezogenen Arbeit im Projekt; doch werden auch Zeremoniell, Präzedenz- und Sitzordnung, Positionierung im Raum, Gesten, Kleidung und Tracht, Insignien, Bilder etc. als Möglichkeiten untersucht, dem Sprechakt Nachdruck zu verleihen.