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Sonderforschungsbereich 640: Repräsentationen sozialer Ordnungen im Wandel
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Die Grenzen des kolonialen Staates

Michael Pesek: Die Grenzen des kolonialen Staates.

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Der Artikel schreibt die Geschichte der deutschen Kolonialherrschaft in Ostafrika als eine Geschichte der Präsenz des kolonialen Staates und seiner Akteure. Ausgangspunkt dieser Geschichte ist der Befund, dass der koloniale Staat über ungenügende materielle und personelle Ressourcen verfügte, um das auf dem Tableau europäischer Diplomatie ersteigerte Territorium wirkungsvoll zu kontrollieren und die afrikanische Bevölkerung in ein stetiges Herrschaftsverhältnis einzubinden. Kolonialpolitik war lange Zeit ein Stiefkind der deutschen Politik. Nur zögerlich investierte das Mutterland in die Infrastruktur der Kolonie. Nahezu zwanzig Jahre brauchten es beispielsweise, bis die ersten Eisenbahnlinien in der Kolonie, für viele Kolonialexperten unabdingbare Voraussetzung für eine nachhaltige koloniale Erschließung, erbaut wurden.
Dem kolonialen Staat fehlte es an einer kolonialen Infrastruktur und es fehlte ihm an Kolonsierenden. Die Folgen dieser Herrschaft des Mangels für die koloniale Staatsbildung und ist bisher nur wenig untersucht worden. Vielerorts war die Präsenz des kolonialen Staates ephemer.  Das galt vor allem in den noch Anfang des 20. Jahrhunderts wenig erschlossenen Gebieten im Inneren. Hier war die koloniale Expedition Instrument der Erkundung, Eroberung und Verwaltung in einem. Koloniale Herrschaft war hier eine peripatetische Herrschaft, die Herrschaft von Reisenden. Nur an wenigen, weit über das 2 Millionen Quadratkilometer große Territorium der Kolonie verstreuten Verwaltungskosten, konnten die Kolonialherren ihre Präsenz verstetigen. Diese Unstetigkeit der Kolonialherren gebar eine spezifische Praxis von Herrschaft und sie setzte dieser Herrschaft Grenzen. Eine Alltäglichkeit von Herrschaft und damit eine kontinuierliche Einbeziehung der afrikanischen Bevölkerung zu etablieren, gelang vielerorts kaum. Stattdessen verlegten sich die Kolonialherren auf eine kampagnenartige Politik, die von der sporadisch in Szene gesetzten Unterdrückungsmacht bis hin zu theatralen Spektakeln reichte.
Waren dem kolonialen Staat also Grenzen in der Reichweite seiner Kontrolle des kolonialen Territoriums gesetzt, so war er auch in seiner Fähigkeit begrenzt, Subjekte seiner Herrschaft zu erschaffen. Das galt für seine afrikanischen Intermediäre genauso wie für seine europäischen Akteure. Seit den ersten Tagen seiner Existenz hatte der koloniale Staat, entworfen nach dem Vorbild eines modernen bürokratischen Apparates, mit der Weigerung seiner europäischen Vertreter zu kämpfen, diese bürokratische Verfasstheit anzuerkennen. Vor allem die erste Generation deutscher Kolonisierender bestand größtenteils aus bürokratischen Laien, die sich eher in der Rolle von Landesfürsten gefielen, denn in der des Beamten. Der koloniale Staat scheitere oft genug daran, diese unwillige Bürokraten unter seiner Kontrolle zu bringen und die Leitlinien seiner Politik vor allem dort durchzusetzen, wo er qua seiner mangelnden Infrastruktur nur ephemer präsent war.

erschienen in:

Le Figures d'etat

Seite 117 bis 140



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