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Sonderforschungsbereich 640: Repräsentationen sozialer Ordnungen im Wandel
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Sakrale und politische Repräsentationen des Herrschers - Königskrönungen in Frankreich und Dänemark von 1643-1839

Forschungsprojekt zum Zusammenhang zwischen politischer Herrschaft und religiöser Legitimation

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Einführung

 

In dem Projekt soll die Bedeutung von Krönungen für die sakrale und politische Konzeption monarchischer Herrschaft in ihrem Wechselverhältnis von der Mitte des 17. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts untersucht werden.

Königskrönungen setzen die Bedeutung des Herrschers in Szene. Sie können daher Aufschluss darüber geben, ob und in welchem Maße die Legitimität des Königs sakral, beziehungsweise politisch begründet war. Diese Frage soll anhand zweier Beispiele untersucht werden: den französischen Königskrönungen von 1643-1824 und den dänischen Koronationen von 1648-1839. Beide Fallbeispiele stammen aus Kontexten, in denen der Herrscher eine außerordentlich hohe Bedeutung für die politische und soziale Ordnung des Landes besaß. Zustimmung oder Ablehnung bestehender sozialer und politischer Verhältnisse konzentrierten sich meist auf seine Person. Die Untersuchung unterscheidet sich in thematischer Schwerpunktsetzung und in zeitlicher Perspektive von bisherigen Forschungen zu Königskrönungen in der europäischen Vormoderne und Moderne.[i]

            Zunächst soll der theoretische Rahmen des Projekts, dann der Gang der Untersuchung skizziert werden.

 

Die Fragestellung: Krönungen, politische Ordnung und das wechselvolle Zusammenspiel sakraler und politischer Repräsentationen

 

Die Bedeutung einer Krönung hängt grundlegend von der Position des Königs zu den anderen Gruppen in seinem Herrschaftsgebiet ab. Sie konnte sowohl Gegnern als auch Befürwortern eines Herrschers als Anlass dazu dienen, ihre jeweiligen Vorstellungen politischer und sozialer Ordnung zu formulieren. Eine Krönung lässt sich als ein Ereignis betrachten, in dem Definitionen monarchischer Herrschaft im Wechselspiel von sakralen und politischen Grundlagen verhandelt wurden. Dabei ist von Fall zu Fall zu entscheiden, welchen Faktoren eine besondere Wirkkraft zukommt.

Diesem Projekt liegen zwei Vorannahmen zugrunde:

1.         Politische Herrschaft im Europa der Vormoderne und beginnenden Moderne war zu­nächst immer christlich gebunden, politische Ordnung ohne religiöse Begründung nicht denkbar. Dies änderte sich im Verlauf der Frühen Neuzeit als einem Zeitalter der Herausbildung von Politik als eines zunächst konfessions- und dann auch religionsfreien Handlungs- und Denkraumes. Dieser Entwicklung steht die

2.         grundsätzliche Problematik gegenüber, dass sich politische Herrschaft nur schwer von metaphysischen Begründungszusammenhängen löst. Sie strebt immer nach symbolischer Legitimation und bedarf daher des Verweises auf Grundlagen, die nicht in ihrer Ordnung selbst angelegt sind.

In diesem Spannungsverhältnis mussten sich die europäischen Monarchen bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts positionieren. Dabei kam ihren feierlichen Amtseinsetzungen eine besonders große Bedeutung zu. Als theoretische Vorüberlegungen lassen sich Interdependenzen  zwischen Herrschaftslegitimität und Krönungsritual aufzeigen, die als Ausgangshypothesen für die Analysen der jeweiligen Einzelbeispiele dienen sollen.

 

Die Bedeutung der Krönung als ordnungsstiftende „Rite de passage“

 

Ist ein König erst ein König, nachdem er gekrönt worden ist? Wird diese Frage bejaht, können den Handlungen, die eine Krönung ausmachen, sehr unterschiedliche Bedeutungen zukommen. Eid, Salbung, Ausstattung des Herrschers mit den Herrschaftszeichen, einschließlich der Krone, Präsentation des Gekrönten und Thronbesteigung werden, je nach Interessenslage und Argumentationsstrategie der beteiligten Akteure, unterschiedlich ausgelegt. Für die Sakralität des Herrschers war im Frankreich des 16. und 17. Jahrhunderts die Salbung aufgrund der biblischen Referenz und der lokalen Tradition grundlegend,[ii] während Eid und Präsentation des Gekrönten im Spannungsfeld zwischen kontraktualistischen und autokratischen Herrschaftsbegründungen Bedeutung gewannen.[iii] In dem Festhalten oder Negieren der Krönung als einer Rite de passage, also als einem Ritual, dem sich der König unterziehen musste, um tatsächlich König zu sein, drückte sich aus, welche Position der jeweilige Sprecher zu sakralen und politischen Repräsentationen einnahm, welche Abhängigkeit des Herrschers von geistlichen und politischen Kräften er befürwortete.[iv]

Es lassen sich also zwei Binnenfelder identifizieren, die zur Untersuchung der vorgeschlagenen Fallbeispiele geeignet sind:

a)         Wie wurde die sakrale Repräsentation der Königsherrschaft im Ritual inszeniert? Stiftete diese die Salbung? In welchen weiteren Abschnitten der Krönung spielten Geistliche eine besondere Rolle? Hier wäre zum Beispiel nach der Zusammensetzung des Zuges zu fragen, der den König von seiner Unterkunft in die Krönungskirche geleitete, des weiteren danach, welche Personen bei der Salbung und der Verleihung der Amtsinsignien, insbesondere bei dem Aufsetzen der Krone, beteiligt waren. Welche Handlungabschnitte fanden in profanen, welche in sakralen Gebäuden statt, und welche Bedeutung kam dem Wechsel des Herrschers zwischen diesen Räumen im Verlauf der Krönung zu?[v] Des Weiteren ließe sich nach der Rolle von ‚informellen’, das heißt von Fall zu Fall unterschiedlichen, symbolischen Kommunikationsformen fragen, wie der Überreichung von Gaben oder der feierlichen Verleihung von Privilegien an die beteiligte Kirche, der theologischen Unterweisung des Herrschers usw.

b)         Die politische Legitimierung der Königsherrschaft. Eid und Präsentation des Königs nutzten gerade Königskritiker im Frankreich des späten 16. und frühen 17. Jahrhunderts als Mittel dazu, die Position des Königs mit Hinweis auf seinen ‚Vertragsbruch’ zu delegitimieren. Ihnen wurde häufig mit dem Verweis auf ihren Eidbruch begegnet, den sie begehen würden, wenn sie an der Legitimität des Königs nach Krönung und Eidesleistung zweifeln würden.[vi] Beide Gruppen verwiesen also auf diese einzelnen Handlungen in der Krönung, um jeweils in konträrer Argumentationsrichtung die Position des Herrschers zu schwächen oder zu stärken.

Schließlich wäre nach den Interdependenzen zwischen diesen beiden Feldern sakraler und politischer Bedeutungszuschreibung zu fragen. Vielfach wurde und wird immer noch angenommen, dass der Glaube an die Sakralität eines Herrschers ein Ausdruck vormoderner magischer Gedankenwelten sei und daher Indiz für ein nicht vorhandenes oder nur mangelhaft ausgebildetes politisch-theoretisches Reflexionsvermögen.[vii] Eine Befürwortung der durch die Salbung garantierten Sakralität des Königs konnte im Frankreich der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts aber auch bei gleichzeitig differenzierter Bejahung seiner politisch eingeschränkten Rechte möglich sein. Daneben ließen sich dann vom König unabhängige politische Bereiche und Kräfte benennen, so dass in dieser Diskursrichtung von einer segmentären (und auch reversiblen) Entsakralisierung von Mikrobereichen der nicht-kirchlichen Sphäre gesprochen werden kann, ohne dass gleichzeitig eine Loslösung der Königsgewalt von ihren christlichen Grundlagen beabsichtigt war. Den Wandlungscharakter der Krönung zu bejahen ist also kein Ausdruck eines noch näher zu bestimmenden ‚vormodernen’ Politikverständnisses, sondern Indiz für ein Verständnis von politischer Ordnung, die auf ihre Präsentsetzung angewiesen ist. Der König kann sich in diesem Sinne von einem Nicht-Herrscher zu einem Herrscher wandeln, indem er bestimmte Handlungen durchführt. Diese nehmen eine ordnungsstiftende Funktion in der Herstellung und Ausrichtung von Repräsentationen sozialer und politischer Ordnung ein. Der Wechsel von einem Herrscher zum anderen wird in diesem Ordnungsverständnis als tatsächliche Krise verstanden, da die Zeit zwischen dem Ableben des einen und der Krönung des anderen durch die Absenz monarchischer Herrschaftsgewalt geprägt ist.[viii] Der König beweist in diesem Sinne mit seiner geglückten Krönung zwar einerseits, dass er mächtig genug ist, diese wahrzunehmen, andrerseits erweist er sich allein aufgrund der konkreten Durchführung des Rituals als abhängig von anderen Personen und Konstellationen; seine ordnungsstiftende Gewalt ist somit in der Folge der Krönung kontingenzabhängiger als im Moment des Rituals selbst.

 

Die Krönung als Konfirmation eines bestehenden Zustands. Die Krönung als Repräsentation einer idealen Ordnung.

 

Der Wandlungscharakter der Krönung geriet nicht erst in der Frühen Neuzeit in die Kritik. Wie bereits Ernst H. Kantorowicz gezeigt hat, wurde das Krisenpotential der Interregna in England und Frankreich seit dem Hohen Mittelalter  vermindert, indem sie als ordnungsfreie Situationen negiert wurden. Dies geschah in beiden Fällen durch eine Aufwertung der Rechtsgewalt des Königs und seiner Legitimation durch Abstammung, einer Überhöhung des königlichen Blutes. [ix] Sprecher, die den Wandlungscharakter einer Krönung negierten, lehnten also ihre Funktion als ordnungsstiftendes Ritual ab und erklärten die Tatsache, dass sie dennoch weiterhin stattfanden, mit ihrer Bestätigungs- beziehungsweise Darstellungsfunktion. Die Krönung sollte bereits feststehende Ordnungsverhältnisse visualisieren; die Person des Monarchen stand im Mittelpunkt der Inszenierung. Alle weiteren Gruppen und Handlungselemente nahmen an Bedeutung ab.

Die Gewalt des Königs wurde in der Negation des ordnungsstiftenden Charakters des Rituals bewusst von diesem unabhängig gemacht und auf andere – sakrale und politische –Grundlagen gestellt. Das Potential zu einer Loslösung der Herrschaftsrepräsentation von sakralen Elementen wurde häufig dadurch gemindert, dass die Sakralität sich nicht mehr durch die magischen Fähigkeiten des Königs, sondern durch die transzendent überhöhte Bedeutung seines Blutes und seiner Rolle als Stellvertreter Gottes auf Erden ausdrückte. In der Auffassung der Krönung als Visualisierung der politischen und religiösen Macht des Königs waren also sehr feste Verbindungen von sakraler und politischer Herrschaftslegitimation möglich. In der Interpretation des Rituals ergaben sich aber wiederum Freiräume der Kritik und somit Möglichkeiten, die sakralen Grundlagen der Königsherrschaft in Frage zu stellen:  Der Herrscher war im Moment der Krönung weit mehr von einer Rezeption seiner Visualisierung abhängig als im ersten Fall. War ihr ‚richtiger’ Ablauf Ausdruck der Modellhaftigkeit seiner Regierung, so wurden kontingente Momente im Ritual für die Legitimierung des Herrschers gefährlicher als in den Fällen, in denen der Krönung eher Kommunikations- und Herstellungs-, denn Darstellungscharakter zugesprochen wurde. So wurde im ersten Fall Wert auf den ‚richtigen’ Vollzug bestimmter Schlüsselhandlungen, wie zum Beispiel der Salbung gelegt, ohne dass dem gesamten Ereignis Bedeutung zukam. Galt die Krönung aber als Visualisierung bestimmter Fähigkeiten des Monarchen, so konnte jede Handlung, die diesem Bild abträglich war, die Stellung des Monarchen schädigen. Die Krise ergibt sich hier nicht aus dem Fehlen von Ordnung, auf die das Ritual antwortet, sondern daraus, dass die Krönung zu einem Feld konkurrierender Sichtweisen und Deutungsmuster werden konnte.

 

Auf den ersten Blick ließe sich vermuten, dass das erste Modell das ‚vormoderne’, das zweite das ‚moderne’ Modell der Bedeutung von Krönungen sei. Die Untersuchungen zum französischen Sakralkönigtum in der ersten Projektphase haben aber darauf hingewiesen, dass durchaus von einem teilweise konkurrierenden Nebeneinander beider Vorstellungen auszugehen ist. Von einer tatsächlich säkularen Herrschaftsrepräsentation ließ sich in keinem der untersuchten Fälle sprechen, höchstens von ihrer Auffächerung in verschiedene Bereiche. Vorstellungen von den sakralen Fähigkeiten des Königs konnten sich durchaus mit politischen Ordnungsvorstellungen verbinden, deren Träger den politischen Wandlungscharakter der Krönung ablehnten. Die Verfestigung von Staatlichkeit im Frankreich in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts verknüpfte sich also nicht allein mit Repräsentationen, die in der Krönung ein Mittel der Abbildung und Bestätigung bestehender Herrschaftsverhältnisse sahen. Vielmehr setzten die Befürworter der politischen Rechte des Königs häufig alles daran, an der Verleihung sakraler Fähigkeiten durch das Salböl festzuhalten. Damit wollten sie außerdem Kritik abwenden, die sich an dem Modellcharakter der häufig nicht reibungslos ablaufenden Krönungsfeierlichkeiten entzündete. Sakralisierung und Autonomisierung von Politik standen bis zu Beginn des 18. Jahrhunderts also in einem teilweise recht kontingenten Wechselverhältnis, das die Position des Königs aufgrund der Eröffnung von Diskurs- und Kritikmöglichkeiten eher schwächte denn stärkte.[x] In Weiterführung dieser Ergebnisse soll der Fokus auf eine Analyse des Interdependenzverhältnisses von sakralen und politischen Repräsentationen monarchischer Herrschaft in einer Phase untersucht werden, die als ‚dichte Zeit’ der Ausdifferenzierung sozialer und politischer Repräsentationssysteme verstanden werden kann, nämlich der Zeit von der zweiten Hälfte des 17. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts.

 

 

Die Untersuchungsfelder:

Frankreich 1643-1824 und Dänemark 1648-1839

 

Gleich, ob einzelne Personen und Gruppen dem französischen oder dänischen König jeweils ablehnend oder zustimmend gegenüberstanden, die Figur des Königs diente als Fokus individueller und kollektiver Repräsentationen.[xi] Aufgrund der in beiden Ländern bereits sehr früh erfolgten Konzentration politischer und geistlicher Rechte in der Hand des Herrschers[xii] sind die Herrschaftswechsel, auch wenn kein gleichzeitiger dynastischer Umbruch stattfand, als Krisenmomente zu begreifen. Dieser Gefahr wurde in beiden Bereichen im 17. Jahrhundert verstärkt durch zwei Mechanismen entgegengesteuert: Der Aufwertung der Dynastie und dem Versuch, die königliche Macht zu institutionalisieren.[xiii]

Neben diesen parallel zu beschreibenden politischen Aspekten sind beide Monarchien Prototypen unterschiedlicher monarchischer Herrschaftsprägung aufgrund der unterschiedlichen Konfessionen. So bestimmte im dänischen Fall die Konfession eine andere Haltung zur Wandlungskraft liturgischer Handlungen. Die Auswirkungen dieses Unterschieds auf das Verständnis von Königskrönungen ist bislang nicht erforscht worden. Davon ausgehend sind weitere Überlegungen anzustellen: Bedingte der konfessionelle Unterschied eine verschiedene Möglichkeit der Ausdifferenzierung sakraler und politischer Repräsentation des Monarchen? Oder wurde dieser durch die politische Entwicklung hin zur institutionalisierten Zentralisierung soweit nivelliert, dass sich in beiden Fällen ein Bedeutungsverlust sakraler Legitimationsstiftung im Moment der Krönung feststellen lässt? Nicht zuletzt wäre auch danach zu fragen, ob und in welchen Krönungen überhaupt die Sakralität des Monarchen thematisiert wurde. Zudem wäre es aufschlussreich, die in beiden Bereichen möglicherweise recht unterschiedlichen Visualisierungs- und Inszenierungsstrategien nach ihrem Potential für eine desakralisierte Herrschaftsrepräsentation zu befragen.

 

Der Zeitrahmen

 

Das Projekt setzt genau an dem Zeitpunkt an, an dem in beiden Fällen der Monarch einen erheblichen Machtzuwachs erhielt. In der „Lex Regia“ oder auch „Kongelov“ (1665) wurden die Wahlversprechen des dänischen Königs abgeschafft, die Monarchie als Erbkönigtum eingesetzt. Der König wurde formell zum obersten Repräsentanten der dänischen Kirche erklärt.[xiv] In Frankreich vollzog sich in den fünfziger und sechziger Jahren des 17. Jahrhunderts ein vergleichbarer Prozess, wobei Ludwig XIV. auf den Zentralisierungsbemühungen seiner Vorgänger aufbaute.[xv]

Der Untersuchungszeitraum endet mit den Krönungsfeierlichkeiten der letzten vorkon­stitutionellen Monarchen. Das Projekt überbrückt also bewusst die Zeitschneise der Französi­schen Revolution. Es wird davon ausgegangen, dass der eigentliche Umbruch in der Reprä­sentation der Monarchie sich im Wechsel von vorkonstitutioneller zu konstitutioneller Verfassung und nicht vorher vollzogen hat. Einer schrittweisen Delegitimierung der französischen und dänischen Könige im 18. Jahrhundert, der durchaus auch als Teil eines größeren Säkularisierungsprozesses zu begreifen ist, folgte ihre Re-Sakralisierung im frühen 19. Jahrhundert.[xvi] Dies ist besonders gut an den Ritualen der Bourbonen bis 1830 zu erkennen.[xvii] Für Dänemark liegen für den gesamten Untersuchungszeitraum keine Forschungen vor.

Es gibt bisher außerordentlich wenige Arbeiten zu politischen Ritualen, die bewusst eine Brücke zwischen frühneuzeitlicher und moderner Herrschaftsinszenierung schlagen.[xviii] Dies ist bedingt durch die Annahme, dass die symbolische Kommunikationsfunktion politischer Rituale in der Vormoderne eine andere sei als in der Moderne. Dabei wird das Visualisierungsbedürfnis politischer Ordnungen außer Acht gelassen.[xix] In der vorliegenden Arbeit soll der Zeitrahmen von der zweiten Hälfte der Frühen Neuzeit bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts gesetzt werden. Damit wird angestrebt, die angebliche Bedeutungslosigkeit der Krönungen im Zeitalter zwischen ‚Absolutismus’ und beginnender ‚Moderne’ zu hinterfragen. Eventuell lassen sich auf diese Weise Kreislaufmodelle des Interdependenzverhältnisses zwischen sakralen und politischen Repräsentationen identifizieren, die zum Beispiel in bestimmten krisenhaften Konstellationen aus dem kulturellen ‚Langzeitgedächtnis’ des politischen Zeremoniells aktiviert wurden. So lassen sich umkehrbare und unumkehrbare Voraussetzungen des Verhältnisses zwischen sakralen und politischen Repräsentationen bestimmen.

Im Rahmen dieses Projekt ist es unabdingbar, Einzelfallanalysen in einem weit gesteckten zeitlichen Rahmen zu untersuchen. Durch die dichte Analyse einer oder höchstens zweier Krönungen ließen sich allein Zustandsbeschreibungen, aber keine Aussagen über Kontinuität und Wandel monarchischer Herrschaftslegitimation treffen. Die einzelnen Krönungen werden in ihrer ‚Vorbereitungs- und Nachbereitungsphase’ als intensiv zu unter­suchende und dicht zu beschreibende Zeitabschnitte begriffen. Die jeweiligen Einzelergeb­nisse sind anschließend vergleichend miteinander zu verbinden.

 

Zum methodischen Vorgehen

 

Bei den zu untersuchenden Feierlichkeiten handelt es sich um acht dänische und sechs französische Königskrönungen. Da das Sacre Napoleons bereits ausgiebig erforscht worden ist, wird es nicht als ein eigenständiges Untersuchungsfeld behandelt, soll aber als Kontrastfolie für die Analyse der folgenden zwei Krönungen dienen.[xx]

In einem ersten Schritt sollen die Krönungen in Handlungsabschnitte eingeteilt werden, also in Vorbereitung des Monarchen auf das Ereignis, seine Einholung, Eidesleistung, Salbung usw. Es ist jeweils im Einzelfall zu bestimmen, wie und ob alle Handlungsabschnitte als fester Bestandteil des Zeremoniells angesehen wurden und ob sie religiöse Komponenten enthielten, etwa in den verwendeten Materialien oder beteiligten Personen.

Die Projektergebnisse sollen auf der Basis einer vergleichend-kontrastierenden Quel­lenanalyse gewonnen werden. Zum einen sollen handschriftliche Zeremonialbücher und Ein­zelfallsregelungen aus dem Umkreis des Königs und des Hofes ausgewertet werden, außerdem Festdrucke, Zeitungen, offizielle Hofdiarien sowie Selbstzeugnisse und Korrespondenzen. Setzt man die hier zu findenden Beschreibungen gegeneinander ab, so lassen sich verschiedene Interessenstrategien und Bedeutungszuschreibungen unterschiedlicher Akteure und Akteursgruppen identifizieren. In einem weiteren Schritt sollen Texte befragt werden, die für eine Rezeption dieser im Zentrum der Macht generierten sakralen und/ oder politischen Repräsentation der Monarchie aufschlussreich sind. Hierfür ist der sich unmittelbar auf die Krönung konzentrierende Untersuchungszeitraum zu erweitern: Auch Schriften, die in den Jahren nach dem Ereignis entstanden, thematisierten den Zusammenhang zwischen Krönung und Herrschaftslegitimation.

 



[i]               Die Rituale der europäischer Monarchien sind ein stetig wachsendes Forschungsfeld. Auch in den eine Synthese vorschlagenden Sammelbänden wird zwischen vormodernen und modernen Herrschaftsformen unterschieden: Heidenreich, Bernd (Hg.), Wahl und Krönung, Frankfurt a. M. 2006; Jussen, Bernhard (Hg.), Die Macht des Königs. Herrschaft in Europa vom Frühmittelalter bis in die Neuzeit, München 2005; Steinicke, Marion/ Weinfurter, Stefan (Hg.), Investitur- und Krönungsrituale. Herrschaftseinsetzungen im kulturellen Vergleich, Köln/ Weimar/ Wien 2005; Kramp, Mario (Hg.), Krönungen. Könige in Aachen – Geschichte und Mythos. Katalog der Ausstellung in zwei Bänden, Mainz 2000; Duchhardt, Heinz/ Jackson, Richard A./ Sturdy, David (Hg.), European Monarchy. Its Evolution and Practice from Roman Antiquity to Modern Times, Stuttgart 1992; Gundlach, Rolf/ Weber, Hermann (Hg.), Legitimation und Funktion des Herrschers: Vom ägyptischen Pharao zum neuzeitlichen Diktator, Stuttgart 1992 (= Schriften der Mainer Philosophischen Fakultät, Bd. 13).

[ii]          Diese Bemerkungen beziehen sich auf die Ergebnisse des von Ruth Schilling bearbeiteten Unterprojekts des TP A3 „Sakralität und Herrschaft im konfessionellen Zeitalter am Beispiel Frankreichs“, die 2008 in mehreren Publikationen vorgestellt werden sollen: Im Rahmen des Buchprojekts „Die Säkularisierung am Beispiel kollektiver Repräsentationen im frühneuzeitlichen Europa. Methodische und empirische Probleme“ (mit Heike Bock, Stefan Ehrenpreis, Vera Isaiasz, Ute Lotz-Heumann und Matthias Pohlig), sowie zwei weiteren Beiträgen: „Das Verhältnis von ritueller und visueller Präsenz im Stadtbild als Indikator für Säkularisierung? Die Selbstdarstellung der französischen Monarchie in Paris 1580-1715“ und „Zwischen liturgischer und dynastischer Legitimation: Diskursverschiebungen in der Repräsentation des französischen Sakralkönigtums 1580-1715“. Einen ersten Einblick in die Ansätze und Ergebnisse dieses Projekts findet sich auf www.repraesentationen.de unter dem Teilprojekt A 3.

[iii]              Ebd.

[iv]          Ebd.

[v]              Auf die Bedeutung des Raumwechsels im christlich-islamischen Vergleich macht aufmerksam: Oesterle, Jenny R., Im Spannungsfeld von sakralen und profanen Räumen: Ankünfte von Kalifen und Königen im 10. und 11. Jahrhundert, in: Baller, Susann u.a. (Hg.), Ankunftszeremonien in intertemporaler und interkultureller Vergleichsperspektive, Frankfurt a.M. 2008 (im Druck).

[vi]              Für die Diskussionen während der Regierungszeit Heinrichs IV. und Ludwigs XIII. von Frankreich hat dies nachgezeichnet: Stiefelhagen, Benno, Die Bedeutung der französischen Königskrönung von Heinrich IV. bis zum Sacre Ludwigs XIV., unveröff. Diss., Bonn 1988, S. 17-47, 256-260.

[vii]             Vgl. die kritische Bewertung des bisherigen Forschungsstandes bei Büschel, Hubertus, Untertanenliebe. Der Kult um deutsche Monarchen 1770-1830, Göttingen 2006 (= Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte, Bd. 220), S. 145-186.

[viii]            Die Absenz von Ordnung drückte sich in ganz konkreten Handlungen aus wie dem Plündern des Palastes oder dem Abziehen des Ornats des Verstorbenen. Dies lässt sich in sehr unterschiedlichen europäischen Kontexten beobachten, vgl. für Frankreich, Rom und Venedig jeweils Giesey, Ralph E., The Royal Funeral Ceremony in Renaissance France, Genf 1960 (= Travaux d’Humanisme et Renaissance, Bd. 37), S. 183-192; Paravicini Bagliani, Agostino, Der Leib des Papstes. Eine Theologie der Hinfälligkeit, München 1997, S. 118-124; Muir, Edward, Civic Ritual in Renaissance Venice, Princeton 1981 S. 263-289.

[ix]              Kantorowicz, Ernst H., The King’s Two Bodies. A Study in Mediaeval Political Theology, Princeton 1957 (ND Princeton 1997), S. 314-450.

[x]              Ebd.

[xi]              Diesen Ansatz verfolgt Jens Ivo Engels in: Engels, Jens I., Königsbilder. Sprechen, Singen und Schreiben über den französischen König in der ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts (= Pariser Historische Studien, Bd. 52), Bonn 2000.

[xii]             Für Dänemark vgl. Olesen, Jens E., Dänemark, Norwegen und Island, in: Asche, Matthias/ Schindling, Anton (Hg.), Dänemark, Norwegen und Schweden im Zeitalter der Reformation und Konfessionalisierung. Nordische Königreiche und Konfession 1500 bis 1660, Münster 2003 (= Katholisches Leben und Kirchenreform im Zeitalter der Glaubensspaltung, Bd. 62), S. 27-106, hier: S. 43-44; für Frankreich vgl. zusammenfassend Ehlers, Joachim, Frankreich. Kirchengeschichte und Verfassung, Verhältnis zum Papsttum, in: Lexikon des Mittelalters, Bd. 4, München/ Zürich 1989, Sp. 774-783, hier: 777-779.

[xiii]            Vgl. Anm. xiv und xv.

[xiv]            Olesen, Dänemark, S. 97-98.

[xv]             Auf den Zwiespalt zwischen Machtanspruch und politischer Realität in der Regierungszeit Ludwigs XIV. weist nachdrücklich hin: Cremer, Albert, Weshalb Ludwig XIV. kein „absoluter“ König war, in: Jussen, Bernhard (Hg.), Die Macht des Königs. Herrschaft in Europa vom Frühmittelalter bis in die Neuzeit, München 2005, S. 319-325.

[xvi]            Mehrere Dissertationen haben auf die Bedeutung von Ritualen für die Herrschaftslegitimität der europäischen Monarchien im 19. Jahrhundert aufmerksam gemacht: Vgl. Büschel, Untertanenliebe; Scholz, Natalie, Die imaginierte Restauration. Repräsentationen der Monarchie im Frankreich Ludwigs XVIII., Darmstadt 2006; außerdem die sich gleichfalls in Teilen Krönungsfeierlichkeiten widmende Arbeit: Schwengelbeck, Matthias, Die Politik des Zeremoniells: Huldigungsfeiern im langen 19. Jahrhundert, Frankfurt a. M./ New York 2007 (= Historische Politikforschung, Bd. 11) und Wienfort, Monika, Monarchie in der bürgerlichen Gesellschaft. Deutschland und England von 1640 bis 1848, Göttingen 1993 (= Bürgertum. Beiträge zur europäischen Gesellschaftsgeschichte, Bd. 4).

[xvii]            Vgl. Scholz, Die imaginierte Restauration; Reichart, Rolf/ Schmidt, Rüdiger/ Thamer, Hans-Ulrich (Hg.), Symbolische Politik und politische Zeichensysteme im Zeitalter der Französischen Revolution 1789-1848, Münster 2005 (= Symbolische Kommunikation und gesellschaftliche Wertesysteme. Schriftenreihe des SFB 496, Bd. 10).

[xviii]           Es sei auf zwei Ausnahmen aus dem französischsprachigen Bereich hingewiesen, die einen Vergleich zwischen vormodernen und modernen Ritualen vornehmen: Dereymez, Jean-William/ Ihl, Olivier/ Sabatier, Gérard (Hg.), Un cérémonial politique: Les voyages officiels des chefs d’État, Paris/ Montréal, 1998; Hébert, Michel/ Roy, Lyse, Amour scénarisé, amour vécu: l’entrée solennelle de Charles de Gaulle au Québec en juillet 1967, in: Bulletin d’histoire politique 14 (2005), S. 147-160.

[xix]            Diesen Zwiespalt zeigt auch auf: Stollberg-Rilinger, Barbara, Herstellung und Darstellung politischer Einheit: Instrumentelle und symbolische Dimension politischer Repräsentation im 18. Jahrhundert, in: Andres, Jan/ Geisthövel, Alexa/ Schwengelbeck, Matthias (Hg.), Die Sinnlichkeit der Macht. Herrschaft und Repräsentation seit der Frühen Neuzeit, Frankfurt/ New York 2005 (= Historische Politikforschung, Bd. 5), S. 73-92.

[xx]             Vgl. Cabanis, José, Le sacre de Napoléon: 2 décembre 1804, Paris 21994 sowie zu Napoleons Legitimationsstrategien unter Bezug auf die Kaiserkrönung Karls des Großen: Kraus, Thomas R., Napoleon –Aachen – Karl der Große. Betrachtungen zur napoleonischen Herrschaftslegitimation, in: Kramp, Mario (Hg.) Krönungen. Könige in Aachen – Geschichte und Mythos. Katalog der Ausstellung in zwei Bänden, Bd. 2, Mainz 2000, S. 699-707.

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