Forschungsprojekt
in den Hogenbergschen Bildberichten
Die Bildberichte des niederländischen Kupferstechers und Verlegers Franz Hogenberg (ca. 1538-1590) haben bereits seit dem ausgehenden 16. Jahrhundert Verwendung in historiographischen Erzählungen gefunden. Während sie aufgrund ihrer Anschaulichkeit, detaillierten Gestaltung und vorgeblichen Authentizität zunächst in einem komplementären Verhältnis zum Text standen, übernehmen sie in modernen Geschichtswerken zumeist eine rein dekorative Funktion. Wenngleich also die Hogenbergschen Bildberichte seit langem in der Geschichtsschreibung genutzt werden, sind sie als Quellen sui generis von der historischen Forschung bisher kaum beachtet worden. Das gilt insbesondere für ihre Eigenschaft, als Nachrichtenmedium die Zeitgenossen über die damaligen politischen wie konfessionellen Auseinandersetzungen in Frankreich, im Reich und in den Niederlanden zu informieren. An dieser Stelle setzt das Forschungsprojekt an, indem es die Bildberichte Franz und Abraham Hogenbergs (ca. 1585-1653) zu den krisenhaften Konflikten während der französischen Religionskriege und des Aufstandes der Niederlande im Kontext der zeitgenössischen Publizistik untersuchen will.
Die überwiegende Mehrzahl der 469 überlieferten Stiche der Hogenbergschen Offizin, die zunächst von Franz und später von seinem Sohn Abraham geleitet wurde, dienten zwischen 1570 und 1611/12 der bildlichen Berichterstattung aktueller Geschehnisse. Im Unterschied zum Großteil der populären Bildpublizistik widmeten sie sich allerdings ausschließlich den politischen, militärischen wie konfessionellen Konflikten ihrer Zeit und verzichteten vollends auf die Darstellungen von außergewöhnlichen Naturereignissen, Moritaten, Wundern oder Monstrositäten. Sie konzentrierten sich vielmehr auf die politischen und konfessionellen Krisen, die die soziale Ordnung sowohl in Frankreich als auch in den niederländischen Provinzen in den Jahrzehnten um 1600 erschütterten. Angesichts dieses spezifischen Themenspektrums stellt sich die Frage, welche Deutungen, Argumentationsmuster und Repräsentationsstrategien die Bildberichte nutzten, um die konkreten Ereignisse ebenso wie die gesellschaftlichen Dissoziationskräfte darzustellen. Im Projekt werden daher die Bedeutungsstrukturen der Drucke untersucht, mit denen sie dem konfessionellen, politischen wie militärischen Geschehen in Frankreich und in den Niederlanden Sinn zuordnen und zugleich einen erzählerischen Zusammenhang generieren. Hierfür ist es notwendig, das historische Narrativ der Hogenbergschen Bildberichte im Kontext der zeitgenössischen Publizistik zu betrachten, denn erst eine vergleichende Einordnung erlaubt es, ihren semantischen und argumentativen Gehalt näher zu erfassen. Eine Bestimmung des Verhältnisses von religiösen und säkularen Repräsentationen ermöglicht zudem Rückschlüsse auf die Säkularisierungspotentiale der damaligen Publizistik einerseits sowie die Bedeutung religiöser Repräsentationen in einem Zeitalter der zunehmenden Autonomisierung des Politischen andererseits.
Grundsätzlich wird dabei von einem Bildverständnis ausgegangen, das die Drucke Franz und Abraham Hogenbergs als Repräsentationen begreift. Sie beruhen nicht nur auf spezifischen Deutungsmustern und Vorstellungen, sondern strukturieren zugleich auch die Art und Weise, wie die Welt wahrgenommen und verstanden wird; insofern stellen sie die abgebildeten Geschehnisse stets in einen Sinnzusammenhang. Repräsentationen im Allgemeinen und die Hogenbergschen Bildberichte im Besonderen können daher als Organisationsformen von Wissen betrachtet werden, die es ermöglichen, sich nicht nur eine Vorstellung von der Welt zu machen, sondern die Welt auch handelnd zu verändern. Repräsentationen fungieren daher ebenfalls als Mittel zur Ausrichtung der Wirklichkeit am Maßstab sozial ausgehandelter Vorstellungen. Sie sind sowohl Bedingungen kommunikativer Prozesse als auch ihre Ergebnisse. Zudem verweist der Repräsentationsbegriff stets auf die Materialität und Medialität dieser Interaktionen. Eine Untersuchung der Hogenbergschen Bildberichte muss daher notwendigerweise die Rahmenbedingungen ihrer Herstellung und Distribution reflektieren. Dies schließt sowohl die soziale Stellung des niederländischen Exulanten Franz Hogenberg, der sich Ende der 1560er Jahre mit seiner Familie in der Freien Reichsstadt Köln niederließ, als auch die internationalen Kontakte mit ein, die für die Produktion solcher Bildberichte unabdingbar waren. Die Rheinmetropole kann hierbei aufgrund ihrer geographischen Nähe zu den französischen und niederländischen Krisengebieten als Zwischenraum und Aushandlungsort begriffen werden, der die Diffusion und Konkurrenz unterschiedlicher Repräsentationen ermöglichte. Vor diesem Hintergrund ist es unerlässlich, zusätzlich die rezeptionssteuernden Elemente der Bildberichte zu berücksichtigen und näher zu bestimmen, welche Rezeptionsangebote sie hinsichtlich ihrer Funktionen und Aufgaben machen konnten.
Der Ansatz des Projektes ist europäisch-vergleichend. Abgesehen von einer vergleichenden Untersuchung der Bildberichte als Repräsentationen werden zudem die verschiedenen Interaktionsprozesse zu analysieren sein, die erst eine überregionale Berichterstattung über die beiden westeuropäischen Herrschaftskrisen ermöglichten. In diesem Zusammenhang werden insbesondere die Netzwerke der niederländischen und französischen Exulanten in ihrer Funktion als Nachrichtenübermittler genau zu beschreiben sein. Außerdem handelte es sich bei den dargestellten Konflikten, auf ereignisgeschichtlicher Ebene, um Geschehnisse mit europa-, ja bisweilen sogar weltweiten Auswirkungen. Das Untersuchungsfeld wird also durch ein für die Geschichte der politischen Ordnung des frühneuzeitlichen Europa eminent wichtigen, bisher aber nur marginal erforschten Quellencorpus einerseits sowie die strukturellen Rahmenbedingungen seiner Herstellung und Rezeption andererseits konstituiert.
Ziel des Projektes ist es, anhand der Hogenbergschen Bildberichte zeitgenössische Repräsentationen von Macht, Herrschaft, Glaube und Gewalt auf ihre Bedeutungsstrukturen hin zu untersuchen. An ihnen lässt sich aufzeigen, wie die politischen, sozialen und religiösen Krisen in Westeuropa diskursiv und symbolisch erfasst werden konnten. Zusätzlich ist es möglich, Umbrüche und Wandlungen in den Argumentationsstrategien und Deutungsmustern im Laufe der Zeit nachzuvollziehen. Ein besonderes Augenmerk wird dabei auf den religiösen und säkularen Repräsentationen unterschiedlicher Formen von Gewalt sowie den in diesem Zusammenhang artikulierten Wertungen und Vorstellungen liegen. Gewalt soll dabei als Versuch verstanden werden, gegen den Willen anderer eine spezifische soziale Ordnung sowie das damit einhergehende Repräsentationssystem durchzusetzen. Repräsentationen von Gewalt können somit einerseits der Etablierung und Stabilisierung von Herrschaft dienen, andererseits jedoch auch ihre Geltungsansprüche in Zweifel ziehen. Versteht man Macht und Herrschaft als Ergebnisse kommunikativer Prozesse, wird deutlich, welche Bedeutung gerade angesichts politischer wie religiöser Krisen der Legitimierung und Delegitimierung von Gewalt zukommt. Die Bildpublizistik Franz und Abraham Hogenbergs bildete einen integralen Bestandteil dieser Aushandlungsprozesse, der überdies nicht nur Topoi – beispielsweise im Zusammenhang mit der „Schwarzen Legende“ – prägte, sondern auch politisch äußerst wirkmächtig war.
Eine Untersuchung der Hogenbergschen Bildberichte auf ihre religiös bzw. weltlich besetzten Bedeutungsstrukturen hin verspricht aus diesem Grund erstens Erkenntnisse über die Repräsentationsmöglichkeiten von Glauben, Herrschaft und Gewalt angesichts der krisenhaften und konfliktreichen Zustände in Frankreich und den niederländischen Provinzen in den Jahrzehnten um 1600. Zweitens können hierüber Einsichten in das Verhältnis von religiösen und säkularen Repräsentationen gewonnen werden. Im Zuge der zu untersuchenden Aushandlungen von sozialer Ordnung, Macht und Herrschaft sowie legitimer und illegitimer Gewaltanwendung lassen sich Momente und Potentiale von Säkularisierung auf der Ebene kollektiver Deutungen beobachten. Drittens ermöglicht solch eine Kulturgeschichte des Politischen, der es um die Repräsentationen von politischen und sozialen Krisen, das heißt um die Verbindung von Mikro- und Makrogeschichte, von Semantik und Struktur geht, zusätzlich Erkenntnisse über die untersuchten Medien. Am Beispiel der Bildzeitungen Franz und Abraham Hogenbergs lassen sich Einsichten in die Nutzung, Herstellung sowie Distribution illustrierter Flugblätter gewinnen, die zu den zentralen Kommunikationsmitteln des Konfessionellen Zeitalters zu zählen sind. Das gilt insbesondere für die soziale Konstruktion von Wirklichkeit anhand verschiedener Repräsentationsstrategien bzw. ihrer Kombination. Eine wesentliche Aufgabe besteht folglich darin, die wechselseitigen Bezüge zwischen Bild und Text im Medium des illustrierten Flugblattes zu untersuchen.
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